ADHS bei Erwachsenen: 4 Kriterien für die Diagnose

Um eine offizielle ADHS-Diagnose als Erwachsener gestellt zu bekommen, müssen die hier genannten vier Punkte zutreffen. Diese basieren auf den offiziellen geforderten Kriterien aus dem ICD-10/11 (von der WHO herausgegeben) und dem DSM-V (von der APA herausgegeben), welche weltweit zur Diagnostik eingesetzt werden.

Die offizielle Diagnose darf in Deutschland nur von psychologischen Psychotherapeuten oder Fachärzten (z.B. Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie) gestellt werden, welche die nun folgenden vier Punkte überprüfen:

Inhaltsverzeichnis: Die vier Punkte in Kürze

1. Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität-Impulsivität

Die Kernsymptome bei AD(H)S lassen sich in die zwei Kategorien Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität-Impulsivität einteilen. Überprüft wird, wie viele Symptome vorhanden sind und wie stark diese ausgeprägt sind. Bei Erwachsenen zeigt sich die Symptomatik anders als bei Kindern, da sich manche Symptome mit dem Älterwerden verändern, aber auch schwächer werden und ganz verschwinden können.

Allerdings kommt es in der Praxis eher selten vor, dass AD(H)S im Verlauf des Erwachsenwerdens vollständig verschwindet, in den meisten Fällen bleibt es zumindest subklinisch weiter vorhanden. Es gilt die Faustregel: Je stärker deine Symptome in der Kindheit waren, umso geringer ist die Chance, dass du als Erwachsener symptomfrei bist.

Unaufmerksamkeit bei Erwachsenen mit AD(H)S

Es kommt zu Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit für Tätigkeiten aufrechtzuerhalten, die KEINE hohe Stimulation oder häufige Belohnung bieten. Starke Ablenkbarkeit und Probleme mit der Konzentration sind die Folge. Es fällt schwer, langweiligen Aufgaben nachzugehen.

Es kommt bei Betroffenen zu einem häufigen Wechsel der Aufmerksamkeit und erhöhter Ablenkbarkeit. Nicht nur externe Reize wie Geräusche oder das Smartphone, auch interne Reize wie Gedanken (Einfälle, Sorgen, Begierden usw.) können einen schnell von der eigentlichen Aufgabe ablenken. Dadurch kommt es häufig dazu, dass man nicht das schafft, was man sich vorgenommen hat. Man benötigt häufig mehr Zeit und Energie als andere, um die gleiche Leistung zu erbringen.

Es kann immer wieder zu Flüchtigkeitsfehlern durch Unaufmerksamkeit kommen, z.B. bei routinierten Tätigkeiten wie dem Autofahren oder bei neuen, ungeübten komplexen Aufgaben.

Beim Planen und Organisieren kommt es immer wieder zu Problemen, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden. Man neigt dazu zu, sich in der Planung zu verlieren und hinderlichen Perfektionismus an den tag zu legen. Auch wird gerne zwischen mehreren Aufgaben hin- und hergewechselt, anstatt diese der Reihe nach abzuarbeiten. 

Vergesslichkeit spielt bei dieser Kategorie ebenfalls eine Rolle. Gegenstände, aber auch Termine, Versprechen sowie Vereinbarungen werden häufig vergessen, was zu mitunter erheblichen Stress in zwischenmenschlichen Beziehungen führen kann

Hyperaktivität-Impulsivität bei Erwachsenen mit AD(H)S

Hyperaktivität
Bei Erwachsenen zeigt sich die äußeren Symptome der Hyperaktivität wie motorische Unruhe meist schwächer als bei Kindern, dafür ist das Gefühl innerer Unruhe und des Getriebenseins oft stärker zu spüren.

Innere Unruhe kennzeichnet sich durch die Unfähigkeit, nicht entspannen zu können. Man fühlt sich wie durch einen Motor angetrieben, unfähig auch mal nichts zu tun.

Motorische Unruhe zeigt sich in Form häufiger Positionswechsel am Schreibtisch, ständiges Wippen mit Beinen, Nesteln oder Trommeln mit Fingern. Es ist außerdem ein gesteigertes Bedürfnis nach körperlicher Bewegung vorhanden, was zu einer bewegungs- oder risikoreichen Freizeitgestaltung führt.

Beim Autofahren hat man große Schwierigkeiten, langsam und entspannt zu fahren und bei Gesprächen zeigt sich eine dominante Gesprächsführung.

Impulsivität 
Hier geht es um die Neigung, unmittelbar und impulsiv zu reagieren, ohne vorher nachzudenken und Folgen abzuwägen. Man hat Schwierigkeiten zu warten, bis man an der Reihe ist, oder ist schnell genervt und verliert häufig die Beherrschung. In Gesprächen werden schnell Dinge gesagt, für die sich man sich später schämt und entschuldigen muss. Beim Autofahren bringt man sich und andere regelmäßig in Gefahr, weil man zu schnell fährt oder gefährliche Überholvorgänge durchführt. 

Welchen Typ von AD(H)S hast du?

Liegen vor allem Symptome aus der Kategorie „Unaufmerksamkeit“ vor und keine/wenige Symptome aus „Hyperaktiv-Impulsiv“ würde man als „ADHS, überwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild“ eingestuft werden. 

Liegen vor allem Symptome aus der Kategorie „Hyperaktivität-Impulsivität“ vor und keine/wenige Symptome aus „Unaufmerksamkeit“ würde man als „ADHS, überwiegend hyperaktiv-impulsives Erscheinungsbild“ eingestuft werden. 

Liegen aus beiden Kategorien einige Symptome vor, würde man als „ADHS, kombiniertes Erscheinungsbild“ eingestuft werden. 

Schwierigkeiten seine Emotionen zu regulieren

Es gab in den letzten Jahrzehnten neue Erkenntnisse aus der Forschung, die zeigen, dass bei AD(H)S zusätzlich Probleme mit der Emotionsregulation vorliegen können und einen Teil des Störungsbilds ausmachen.

Probleme mit der Emotionsregulation führen dazu, dass Emotionen wie Wut, Angst, Traurigkeit, aber auch Freude/Euphorie leichter und schneller ausgelöst werden können und länger / intensiver bestehen. Man fühlt sich dadurch seinen Gefühlen teilweise wie ausgeliefert und es kommt zu regelmäßigen Stimmungsschwankungen.

Durch diese stärkere Sensibilität und Dünnhäutigkeit hat man regelmäßig mit Wutanfällen, Gereiztheit, aber auch Ängsten und negativen Gedanken zu kämpfen. 

Wichtig: Für eine offizielle Diagnose müssen Symptome aus dem Bereich der Emotionsregulation nicht vorliegen! Nach DSM und ICD sind lediglich Symptome aus der Kategorie Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität-Impulsivität relevant. Allerdings sind die hier genannten Symptome bei Betroffenen von AD(H)S häufig für die größten Probleme in deren Leben verantwortlich. Daher wird auch dieser Bereich von erfahrenen Diagnostikern abgefragt und besprochen.

2. Seit mehr als 6 Monaten Leidensdruck in mehreren Lebensbereichen: 

Die Symptome, die auf dich zutreffen, müssen länger als 6 Monate vorhanden sein und in mehreren Lebensbereichen zu einem Leidensdruck führen.

Es muss also in mehreren Lebensbereichen zu Schwierigkeiten kommen, die bei „normalen“ Menschen so nicht vorhanden sind (Leidensdruck) und die im Zusammenhang mit deinen Symptomen stehen. 

Bei AD(H)S ist es relativ typisch, dass alle Lebensbereiche (je nach Anforderungen mehr oder weniger) unter den Symptomen leiden. Dadurch kommt es zu Leid und Problemen an der Arbeit/Universität, in der Partnerschaft, bei der Kindererziehung, beim Autofahren, beim Hobby/der Freizeitgestaltung, mit Freunden usw.

3. Diagnose oder Beginn der Symptome vor dem 12. Lebensjahr:

Da es sich bei AD(H)S um eine neurologische Entwicklungsstörungsstörung mit Beginn im Kindes- und Jugendalter handelt, muss entweder eine offizielle Diagnose aus der Kindheit/Jugend vorliegen oder es muss eindeutige Hinweise dafür geben, dass bereits ADHS-Symptome in der Kindheit/Jugend vorlagen. 

Falls keine offizielle ADHS-Diagnose aus der Kindheit vorlieg wird überprüft, ob die offiziellen Kriterien aus ICD und DSM schon in deiner Kindheit und Jugend vorlagen. Hierfür reicht es nicht aus, dass du das Vorliegen dieser bestätigst. Es muss zusätzlich eine externe Bestätigung durch deine Eltern, Zeugnisse oder sonstige Befunde erfolgen. 

Was tun, falls kein Beginn vor dem 12. Lebensjahr festgestellt werden kann?

Es gibt berechtigte Kritik an diesem Kriterium, da es mittlerweile wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die darauf hinweisen, dass sich ADHS auch erst nach dem 12. Lebensjahr voll entfalten kann. Von Experten wie Dr. Russel Barkley wird daher empfohlen, das Alter auf 16 oder noch weiter zu erhöhen. Falls du also erst nach dem 12. Lebensjahr von ADHS-Symptomen betroffen warst, lass dir die Diagnose nicht ausreden und spreche diese Kritik an.

4. Ausschluss andere körperlicher oder psychischer Ursachen, die für die Symptome verantwortlich sein könnten

Die bei AD(H)S vorkommenden Symptome können auch eine andere Ursache haben, wie z.B. eine Verletzung am Gehirn, Depressionen oder Online-Sucht. Diese müssen im Rahmen der Diagnostik unbedingt abgeklärt und ausgeschlossen werden!

Körperliche Ursachen, deren Symptome wie ADHS aussehen können
-Schädel-Hirn-Trauma, Gehirnläsionen, Hirntumor
-Mangelernährung
-Schlafstörungen
-Schlafapnoe-Syndrom
-Anfallsleiden wie Epilepsie 
-Medikamente (z.B. Antihistaminika, Barbbiturate, also alles was Konzentrationseinbußen zur Folge haben kann)

Psychische Ursachen, die für die Symptome verantwortlich sein können
-Suchtmittelmissbrauch
-Nichtstoffgebundene Süchte wie Glücksspiel, Online-Sucht, Pornografiesucht
-Depressionen
-Angststörungen
-Autmismus

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ADHS-Mentor Henry Leonhard

Mein Name ist Henry

Mein Ziel ist es Betroffenen zu zeigen, wie man AD(H)S auch auf natürlichem Wege in den Griff bekommen kann. Ich habe als Betroffener von ADHS selber einen langen Leidensweg hinter mir, unter anderem dadurch, dass die klassische Behandlung mit Ritalin bei mir mit starken Nebenwirkungen einherging. Dies hat mich vor über 10 Jahren dazu motiviert, alternative Ansätze zur Linderung meiner Symptome auszuprobieren und das mit vollem Erfolg! Dieses Wissen fließt mit in meine Expertise ein und wird durch ein Psychologiestudium sowie Jahren an Eigenstudium spezifischer Fachliteratur abgerundet.